Ein Gespräch mit dem legendären Meister-Uhrmacher

Dr. George Daniels war mehr als sechzig Jahre Uhrmacher. In dieser Zeit wurden ihm mehr der höchsten Ehren seiner Zunft zuteil als jedem anderen. Er ist der Erfinder der Co-Axial Hemmung, die von OMEGA einer Serienproduktion angepasst wurde und die die mechanische Uhrmacherkunst revolutioniert hat.

George Daniels ist ehemaliger Meister der Clockmakers' Guild in London und ehemaliger Vorsitzender des Horological Institute und wurde mit der Goldmedaille der Clockmakers' Company, der Goldmedaille des British Horological Institute, der Goldmedaille der City of London Guild und der Kullberg-Medaille der Stockholmer Uhrmacherinnung ausgezeichnet. Für seine Verdienste in der Uhrmacherei wurde ihm durch Königin Elizabeth II der Verdienstorden „Member of the Order of the British Empire“ (MBE) verliehen.

Folgendes Gespräch mit Dr. Daniels fand 2010 statt:

Die Co-Axial Hemmung wird gemeinhin als „innovativ“ und „revolutionär“ bezeichnet. Können Sie damit leben?

Ja, ich kann sehr gut damit leben, wenn die Co-Axial Hemmung so beschrieben wird, denn sie ist in der Tat innovativ und revolutionär. Sie löst ein Problem, das Uhrmacher 500 Jahre lang beschäftigt hat, nämlich das der Schmierung.

Gibt es in der mechanischen Uhrmacherkunst noch Raum für einen weiteren, genauso einschneidenden – so innovativen und revolutionären – Durchbruch wie die Co-Axial Hemmung?

Es mag nicht besonders bescheiden klingen, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. Mechanische Uhren haben eine lange Tradition, und Generationen von Uhrmachermeistern haben sich bereits daran versucht, sie zu verbessern. Über viele Jahrhunderte hinweg haben sich Uhrmacher mit dem Problem der Viskosität der Schmiermittel und der Notwendigkeit einer Schmierung aufgrund der vorhandenen Reibung beschäftigt, doch erst die Einführung der Co-Axial Hemmung brachte die Lösung.

Es ist zwar möglich, bei der Fertigung gewisser Uhrwerkteile die verwendeten Materialien zu variieren, doch dies wird die grundlegende Leistungsfähigkeit einer Uhr niemals in der gleichen Weise verändern wie die Co-Axial Hemmung.

Wird die Co-Axial Hemmung einmal die am häufigsten verwendete Hemmung bei der Fertigung neuer mechanischer Uhren sein?

Die Uhrenbranche ist von Natur aus sehr konservativ, und Änderungen setzen sich nur sehr langsam durch. Aber im Grunde ist es so, dass jeder Uhrmacher, der weiterhin andere Hemmungsarten verwendet, am Ende bei der Co-Axial Hemmung landet, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie besser ist. OMEGA hat bewiesen, dass die Co-Axial Hemmung in großer Serie produziert werden kann. Es wird also noch einige Überzeugungsarbeit in der mechanischen Uhrenbranche zu leisten sein, aber letztendlich ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Überrascht es Sie, dass sich mechanische Uhren wieder wachsender Beliebtheit erfreuen?

Überhaupt nicht. Ich habe schon oft gesagt, dass ich niemals bezweifelt habe, dass die mechanische Uhr überleben würde, und ich selbst habe mit meiner ersten Uhr mit Co-Axial Hemmung 1969 in London den Startschuss für ihr Revival gegeben.

Ich bin seit Langem fest davon überzeugt, dass die mechanische Uhr dank ihrer besonderen Qualitäten überleben würde, denn sie hat Tradition, ist technisch, intellektuell, ästhetisch, nützlich und sogar noch unterhaltsam. Diese Eigenschaften haben über Jahrhunderte hinweg für die Popularität mechanischer Uhren gesorgt und werden dies auch in Zukunft tun.

Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass die mechanische Uhr vor einer Generation dringend einiger Verbesserungen bedurfte, damit sie trotz ihrer Vorzüge nicht durch die Quarztechnologie verdrängt werden würde. 

Hier liegt einer der wahren Vorteile der Co-Axial Hemmung: sie wird eine bedeutende Rolle dabei spielen, die Beliebtheit mechanischer Uhren im 21. Jahrhundert und darüber hinaus aufrechtzuerhalten. 

In der Financial Times war zu lesen, dass Sie detaillierte Zeichnungen Ihrer Uhren erst dann anfertigen, wenn diese bereits fertiggestellt sind. Ist das wahr? Wenn ja, improvisieren Sie dann bei der Uhrenfertigung?

Es stimmt, dass ich detaillierte Zeichnungen einer Uhr erst dann anfertige, wenn sie bereits fertig ist. Man darf nicht vergessen, dass kein großer Uhrmacher in der Vergangenheit nach Zeichnungen arbeitete! Wenn ich mit einer neuen Uhr beginne, habe ich alles im Kopf. Es ist aber immer möglich, dass ich während der Arbeit noch kleinere Änderungen vornehme, wenn mir etwas einfällt, das meine Uhr noch verbessern würde.

Ein Problem bei detaillierten Zeichnungen von Uhren ist, dass eine Linie zum Teil um ein Vielfaches breiter ist als die kleinsten Teile eines Uhrwerks.

Nur bei der Hemmung mache ich eine Ausnahme, denn davon werden aufgrund der sehr geringen Toleranzen von gerade einmal ein paar Tausendstel Millimetern detaillierte, maßstabsgerechte Zeichnungen angefertigt. Manchmal habe ich ein Dutzend Zeichnungen einer Hemmung erstellt, um sie so effizient wie irgend möglich zu gestalten.

Vor einigen Jahren stellte Sotheby’s eine Ausstellung mit 36 der 37 von Ihnen gefertigten Uhren zusammen. Haben Sie besondere Lieblingsmodelle oder haben Sie all Ihre „Kinder“ gleich gern?  

Zwei der Uhren mag ich besonders gern. Eine davon ist das Modell Grande Complication, das seinem Namen alle Ehre macht: es ist ein goldenes Minutentourbillon mit zierlicher Co-Axial Hemmung und allen möglichen Komplikationen: Minutenrepetition, augenblicklicher ewiger Kalender, Zeitgleichung, Mondphase, Thermometer und Gangreserveanzeige. Diese Uhr habe ich übrigens immer noch. Die andere ist die Space Traveller mit einer unabhängigen Hemmung mit doppeltem Rad und, wie die erste Uhr, zahlreichen Komplikationen: Anzeige der mittleren Sonnenzeit und der Sternzeit, des Mondalters und der Mondphase sowie der Zeitgleichung.

Keine dieser Uhren habe ich auf Bestellung gefertigt, sondern alle auf experimenteller Basis. Als ich mit der Uhrenfertigung begann, hatte ich bereits beschlossen, keine Uhren nach Auftrag zu fertigen, sondern meine Uhren ganz nach meinen eigenen Vorstellungen zu konzipieren und sie zu verkaufen, falls ein geeigneter Käufer auftauchen würde.                                                                                                                      

Im Jahr 2009 feierte OMEGA das 10-jährige Jubiläum der ersten Co-Axial Hemmung in einem OMEGA-Kaliber. Diese Hemmungen sind seit 40 Jahren Teil Ihres Lebens. Sind Sie zufrieden mit der Umsetzung und Einführung durch OMEGA?

Nachdem OMEGA zugesagt hatte, die Co-Axial Hemmung in Serie zu produzieren, war ich sehr zufrieden. Das Unternehmen hatte den Mut, sich dieser revolutionären Technologie anzunehmen, der die restliche Branche viel Kritik und große Skepsis entgegenbrachte. OMEGA erntete damals kein Lob für diesen Entschluss. Ich konnte die Situation, in der sich die Marke befand, gut nachempfinden, denn schließlich war es mir bei der Erfindung der Co-Axial Hemmung ganz ähnlich ergangen.

Da die Co-Axial Hemmung so etwas wie mein Baby ist, habe ich vor allem in der ersten Zeit zahlreiche heiße Diskussionen mit vielen OMEGA-Technikern geführt. Wir haben über mehrere Jahre zusammen an den Spezifikationen der Bauteile gearbeitet, um die Form der Spezialwerkzeuge festzulegen, die für die Fertigung benötigt werden. Da die Co-Axial Hemmung komplexer als die klassische Ankerhemmung ist, stand ich im Vorfeld des Fertigungsbeginns in engem Kontakt mit ihnen. Mit anderen zusammenzuarbeiten war eine ganz neue Erfahrung für mich, und ich schätze die Beziehung, die sich zwischen OMEGA, den Technikern des Unternehmens und mir entwickelt hat.

Am schönsten ist zu sehen, dass das Endprodukt gut funktioniert, und natürlich ist es für jeden Erfinder ein sensationelles Gefühl, wenn er sieht, dass seine Vorstellungen so perfekt umgesetzt worden sind. Die Leistung der Co-Axial Hemmung ist beachtlich. Ihre langfristige Effizienz bei permanenter Nutzung ist der klassischen Ankerhemmung bei Weitem überlegen. OMEGA sollte große Anerkennung erhalten für den Mut, das Projekt Co-Axial Hemmung anzugehen, und ich wünsche dem Unternehmen viel Erfolg damit.  

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